Restaurierungsbericht

 Konservierung und Untersuchung eines mittelalterlichen Kettenhemdes

Detlef Bach

                                                                                                                                                                           

  

Eigentümer: Gustav-Lübke Museum Hamm

Zuständig: Dr. Georg Eggenstein, Siedlungsforschung Paderborn

 

Literatur:

vgl. Andreas Schlunk, Robert Giersch, Die Ritter, Theiss-Verlag

vgl. Wendelin Böhm, Handbuch der Waffenkunde, Seemann Verlag, 1890 Leipzig

Objekt

Konglomerat aus Eisenringen, vmtl. Kettenhemd, 12.Jh., in mehrere Teile zerbrochen.

 

 

 

Zustand

Das stark korrodierte Konglomerat an Eisenringen war bereits in den 1960-er Jahren ergraben worden. Seitdem lagerte es unbeachtet im Magazin. Erst 2003 wurde es "wiederentdeckt".

Es handelt sich um ein Kettenringgewebe, das in einem faltigen Bogen zusammengelegt war. In dieser Lage war es offensichtlich über die Jahrhunderte ungestört korrodiert. Das Stück ist, in zwei Hauptteile zerbrochen, im April 2004 zur Konservierung übergeben worden.
Abb.1 (vermutlich ursprünglich die Unterseite) und Abb.2 zeigen die Bruchstücke jeweils in ihrer ungefähren Lage zueinander. Außerdem liegen noch lose Bruchstücke vor.

Das kleinere Stück wiegt etwa 8,5 kg mit den Abmessungen L. 30 cm, B. 20 cm, H. 16 cm, das größere Stück wiegt ca. 11,8 kg mit ca. L. 39 cm, B. 36,5 cm, H. 13 cm.

Die Oberflächen zeigen die Struktur der nur mäßig von Korrosionsschichten verdeckten Drahtringe.

Die bei der Grabung wahrscheinlich noch sehr kompakten und festen Blöcke zeigen heute in weiten Bereichen Rissbildungen und Oberflächenverluste (Abb. 3, 4).

Offensichtlich sind Korrosionsvorgänge, die immer noch aktiv sind, für die Zerrüttung der Substanz verantwortlich.

Während der Freilegung von Teilbereichen an den Objekten konnten sehr unterschiedliche Erhaltungszustände festgestellt werden. Eine einigermaßen gute Erhaltung von Oberflächen ist nur in tieferliegenden, durch Faltenwürfe geschüzten Bereichen gegeben (Abb. 5, 8). Hier variiert der Korrosionsgrad von teilweise, bis hin zu vollständig durchkorrodierten Ringen. Die Ringe selbst sind stark aufgebläht und blasig.

Erhabene Stellen sind völlig amorph korrodiert (Abb. 3, 7). Hier zeigen sich einheitlich kirschrote Eisenoxidverbindungen, ohne Abgrenzung zwischen Korrosionsauflagen und korrodierten Originalflächen. Eine glaubwürdige Freilegung von Oberflächen ist somit an diesen Stellen nicht möglich. Es ist denkbar, daß das Kettenhemd im Zuge einer früheren Konservierungsmaßnahme geglüht wurde und so in den äußeren Schichten eine Veränderung der Korrosion auftrat.

Ziele der Arbeit

Untersuchung technologischer Details und mechanische Stabilisierung des Objektes. Über eine weitergehende Konservierung kann später entschieden werden.

Restauratorische Bearbeitung

·         Trocknung: 8 Std. bei 110°C

·         Festigung durch Volltränkung mit gelöstem Paraloid B72 im Unterdruck

·         Röntgenuntersuchung in verschiedenen Belichtungsstufen (kV 90 bis kV 180, 30 bis 120 sek bei 5 mA, FFabst. 90 cm)

·         Klebung von Bruchstücken mit Cyanacrylaten. Die beiden Hauptstücke wurden aus Gründen der Gesamtstabilität nicht verbunden.

·         Teilfreilegungen der Ringstrukturen (Abb.3, 4, 5, 8) mechanisch im Sandstrahlverfahren mit Glasperlen

·         Eine Chloridentsalzung wurde zunächst noch nicht durchgeführt. Das Stück sollte aber in Hinblick auf ein Wiedereinsetzen von aktiver Korrosion beobachtet werden.

Beobachtungen

Die Röntgenaufnahmen zeigen in allen Bereichen die kreisförmigen Ringstrukturen in ihren geordneten Zusammenhängen. Faltenwürfe und Mehrlagigkeiten zeichnen sich markant ab. Andere Gegenstände, z.B. Beschläge oder Haken etc. sind nicht zu erkennen. Ein Rückschluß auf ein Schnittmuster, eine bestimmte Form, Größe etc. ist aufgrund der Röntgenaufnahmen nicht zu ziehen.

 

Abb.1

 

 

Abb.2

 

 

Abb.3

 

 

Abb.4

 

 

Abb.5

 

Abb. 7

 

 

 

Abb.8

 

 

Die Oberseite (Abb.2) zeigt eine flächigere Ausrichtung als die Unterseite. Hier sind deutlich scharfe Faltungen zu erkennen ( Abb.1). Die Lage der Falten stellt sich so dar, als sei das Gewebe zuerst locker zusammengerollt, und dann in einem leichten Bogen auf einer unebenen Unterlage abgelegt worden. So, wie man etwa eine Jacke beiseite legen würde.

Am Ende des kleineren Bruchstückes sind Gewebekanten erkennbar (Abb.6). Dies dürften die Säume des Gewebes sein. Eindeutige Hinweise, etwa auf einen Ärmel, oder den Halsausschnitt eines Hemdes können aber nicht belegt werden.

 

 

 

 

Das „Strickmuster“ ist ein sog. 4 in 1 Muster. In einen Ring sind jeweils vier weitere Ringe eingehängt (Abb.9).

Die Durchmesser der Ringe betragen : Außen: ca. 11 mmm, Innen: ca. 7 mm

Der Querschnitt der Drähte ist flachoval 1,8mm-2mm x 2mm – 2,4 mm.

 

 

Abb. 11

An einzelnen Ringen konnten Hinweise auf eine Vernietung freipräpariert werden (Abb. 11, 12). Ein Großteil der Außenflächen läßt allerdings aufgrund des Korrosionsbildes eine derartige Freilegung nicht zu, so daß man nicht mit Sicherheit diese Verbindungstechnik auf die gesamte Kettenstruktur übertragen kann. Es scheint so zu sein, daß die Nietköpfe jeweils sehr innig an den Ring angeschmiedet wurden und regelmäßig nach außen weisen, während der Nietschaft (in mindestens einem Fall nicht völlig plattgeschmiedet) nach innen weist. Weitere Hinweise auf die Frage der Herstellungstechnik sind nicht eindeutig zu treffen. Eine offene Naht, die auf das einfache Zusammenbiegen jedes zweiten Ringes schließen ließe, kann nicht regelmäßig nachgewiesen werden und schließt sich daher praktisch aus. Belege für eine Feuerverschweissung liegen ebenfalls nicht vor, so daß die Vernietung als wahrscheinlichste Möglichkeit in Frage kommt.

 Bei einem angenommenen Gewicht pro Ring von 0,7g entsprechen die rund 21 kg etwa 30.000 Ringen.

Angenommene 300 Ringen pro 100 cm² lassen auf ca 1m² - 1,5 ² gestreckte Kettenfläche schließen.

 

 Zitat aus dem Internet:

http://www.tempus-vivit.net/tempus-vivit/bibliothek/ruestungen/kettenpanzer_geb/basiswissen_ringe.html

„... die Anzahl der verwendeten Ringe (ist)stark vom Muster und der Größe der Ringe abhängig. Für ein Stück Kettengeflecht im Muster "6 in 1" benötigt man z.B. fast doppelt so viele Ringe, wie für die gleiche Fläche im Muster "4 in 1". Für ein Kettenhemd (Größe 54, halbärmlig, oberschenkellang (Körpergröße 1,90 m), 10 mm Ringe, "4 in 1") brauchte ich ungefähr 35000 Ringe....... Einhergehend mit der Anzahl der Ringe kann man das Gewicht eines Kettenhemdes schlecht verallgemeinern. Je nach Ausführung und Material wiegt ein Kettenhemd zwischen 6 und 30 kg. Ein Kettenhemd für mich (Größe 54, halbärmlig, oberschenkellang, 10 mm Stahlringe, "4 in 1") wiegt z.B. 21,4 kg. Übrigens: Am Körper getragen fühlt sich ein Kettenhemd durch die bessere Gewichtsverteilung erheblich leichter an, wesentlich leichter jedenfalls als ein Rucksack gleichen Gewichts.“

 

Aus :http://www.tempus-vivit.net/tempus-vivit/bibliothek/ruestungen/kettenpanzer_geb/img/4in1_02.gif


Aus: http://www.tempus-vivit.net/tempus-vivit/bibliothek/ruestungen/kettenpanzer_geb/img/4in1_03.gif

 

 

Abb.6

 

Abb.9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 12

Zur Aufbewahrung

Das Kettenringgeflecht unterliegt einer aktiven Korrosionsproblematik. Eine Entsalzung könnte die chemischen Prozesse vielleicht eindämmen, wäre aber sehr zeitaufwändig und kaum ohne Verluste der überaus brüchigen Substanz durchzuführen.

Daher wird zunächst eine trockene und gleichmäßige Klimatisierung bei 18°C und max.30% rel. Feuchte empfohlen. Sollte sich während der Lagerung dennoch erneut Schäden zeigen, kann eine Entsalzung durchgeführt werden.

 

Detlef Bach, Winterbach 25.06.04